Radikaler als Gorbatschow: Christian Führer

Christian Führer, viele Jahre Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche, ist gestern im Alter von 71 Jahren gestorben. Er war Mitorganisator der Friedensgebete und Montagsdemonstrationen, die 1989 das Ende der DDR einläuteten. Für ihn war weniger Politik Gorbatschows, Glasnost und Perestroika, für die Revolution entscheidend, sondern uralte Worte, die umstürzende Kraft entwickeln könnten: „Viel radikaler als das neue Denken Gorbatschows waren die Seligpreisungen der Bergpredigt: Liebe deine Feinde. Das heißt also nicht: Bekämpfe deine Feinde, sondern überwinde den Feind mit Argument, mit Hinwendung, mit Zuwendung, das entwaffnet ihn.“ Über Jahre sei der Geist Jesu, wie er aus der Bergpredigt spräche, bei den Leipziger Friedensgebeten zu hören gewesen. „Ob das die Leute richtig bewusst übersetzt haben? Auf alle Fälle hat das eine Rolle gespielt, wir haben nur ganz wenige Lesungen gehabt, und das ist für mich noch radikaler.“

Aufrechter Gang
Montag für Montag habe sich so der aufrechte Gang entwickelt, der in der Kirche versucht wurde und sich dann auf der Straße bewährt habe: Für Christan Führer war das ein Wunder. „Aber das lässt sich auch analysieren, wenn ich an ein Wort von Sacharja denke, um noch vor Jesus zurückzugehen. Da heißt es: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen. Das wird jede Pfingsten in allen Kirchen der Welt gesagt, aber wer rechnet damit, dass das heute Wirklichkeit werden kann – genauso wie es da wörtlich ausgedrückt wird? Oder auch die Begriffe aus dem Magnifikat, wie Maria sagt: Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen auf. Das haben wir nie zuvor mit solcher Erschütterung wie 1989 gehört.“

Christian Führer über die Revolution in der DDR und die Gewaltfreiheit in dem Feature „Das Buch der Bücher“, gesendet im Hessischen Rundfunk, hören >>> HIER oder auch lesen.