Exotische Stille

Es ist ein Experiment von exotischer Eigenheit. Denn am 15. Dezember 2019 nähert sich der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius im Bayerischen Rundfunk der Stille an, ohne auch nur ein einziges Mal das Wort Yoga zu verwenden. Ausgangspunkt der Sendung “Aufgehoben in der Stille” ist die Erfahrung der Reizüberflutung, von Schnelllebigkeit, Tempozwang und dem damit verbundenen Wunsch nach Ruhe. (Manuskript > lesen. Sendung jetzt > hören.) Die naheliegendste Lösung jedoch hilft laut Magirius oft nicht weiter: Denn mit der abrupten Verringerung der Dezibelzahl spüren viele, wie die innere Unruhe zu rumoren beginnt. “Auch Wellnesswochenenden, Achtsamkeitstrainings und diverse Techniken aus dem Meditiationsbusiness-Segment scheinen keine tiefergehende Ruhe zu vermitteln, sonst würde es nicht zu immer neuen Angeboten kommen.”

Stille Anrede
Das Essay, gesprochen von Birgitta Assheuer und Moritz Stoepel, erkundet die Stille, ohne ihr das Geheimnisvolle rauben zu wollen. Zu hören ist Música Callada von Federico Mompou, interpretiert vom Pianisten Emili Brugalla. Davon angeregt und in Auseinandersetzung mit namhaften Schriftstellerinnen und Dichtern wie Arnold Stadler, Manuela Fuelle und Uwe Kolbe werden spirituelle Ruheräume vorgestellt, in denen man sich aufgehoben fühlen kann: im Wald, bei Schneefall, beim Schwimmen im See, im Nachhall der Musik. Es sind Möglichkeiten, um – wie es Bernardin Schellenberger sagt – „die Anrede an mich zu hören“.

Aufgehoben in der Stille, Von der Suche nach spirituellen Ruheräumen, Sonntag 15. Dezember 2019, Bayern2Kultur, Katholische Welt, 8.05-8.30, Wdh. BR-Heimat 9.05-9.30, Manuskript > lesen, Sendung jetzt kostenfrei > hören. Ton: Erik Buhne, Regie: Georg Magirius, Redaktion: Wolfgang Küpper. Die Sendereihe Katholische Welt, erstmals 1952 im Programm, thematisiert grundsätzliche Fragen in Kirche und Christentum, Religion und Gesellschaft. Ganz wichtig: Der Dialog in der katholischen Kirche, zwischen den Kirchen und mit den anderen Weltreligionen. Fotos: Veronika Sergl-Vahlenkamp, Thilo Körkel, Georg Magirius.

Lärmkollaps bei Stilletour

Wer jetzt nicht laut ist, wird den Anschluss an die Mitte der Gesellschaft auf lange Zeit verlieren. Das scheint das Motto an diesem sonnenüberfluteten Spätsommer-Samstag des Jahres 2019 zu sein. Eine Welle Menschen schwappt aus der Saaletalbahn auf den Bahnsteig in Hammelburg. Sofort wird Musik aufgedreht. Männer mit Landbierflaschen in der Hand dirigieren Kinder zum Fluss. Sie haben dasselbe Ziel wie der Apfelweinkanister, der unter Jugendlichen von Hand zu Hand wandert und bald ins Kanu, das die Fränkische Saale flussabwärts schwanken wird.

Die Samstags-Philharmonie

Auf dem Marktplatz rollt bei der 17. Hammelburger Bocksbeutel-Rallye Oldtimer um Oldtimer vor die Augen des Publikums. Ein alles andere als altersmüdes Feuerlöschauto überprüft gleich mehrfach, ob sein Horn noch heute in Alarmstimmung versetzen kann. Es fällt kaum ins Gewicht, ist es doch nur eine weitere Stimme der weit über Hammelburg aktiven Samstags-Philharmonie. Ihre Instrumentengruppen Kreissäge, Kärcher und Rasenmäher kennen kein Piano. Inmitten des Geräuschgewühls geht der Protest los, ein Aufstand! Besser gesagt handelt es sich um einen Aufgang, den Ausstieg aus dem Druck, den Sonnentag am Ende als effektvoll und doch auch effektiv genutzten Freizeittag verbuchen zu können.

Provozierend leise

Der Aufgang ist so unmerklich leise, dass gerade das das erregend Provozierende ist: 20 Wanderer und Tagespilgerinnen aus Bad Kissingen, Aschaffenburg, Arnstein, Frankfurt, Hainburg, Hammelburg, Karlsruhe, Fuchsstadt, Burdkardsroth und Seligenstadt haben sich für die Spirituelle Wanderung „Ruhe in der Weinstadt“ angemeldet, eine Tour der Reihe GangART unter Leitung des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius. Schweigend spazieren die Stillegänger durch die Weinberge und Kiefernwälder oberhalb von Hammelburg, begleitet von prägnanten Worten aus Magirius‘ gerade herausgegebenem Buch „Stille erfahren“.

Nach dem Verklingen

Herstellen oder erzwingen lasse sich die Stille nicht, findet Uwe Kolbe. „Stille ist die Überraschung.“ Sie finde sich im Wald, wo Geräusche nichts von einem wollen und einen zu nichts auffordern, meint Bernardin Schellenberger. Und für Arnold Stadler gibt es keine hörbarere Stille als die, die dem Verklingen einer Stimme folgt oder einer Bach-Orgel an einem Sommerabend. Sie finde sich auch beim Lesen, dieser ungreifbar großen Abkehr und Einkehr, die einsam und beziehungsstark in einem sei. Von der man nichts habe, und doch sei sie so viel: „Es ist wie bei der Liebe. Ein Buch und zwei Augen. Mehr nicht.“

Stille Sicherheit

Wer liest, kann aufrecht und sicher stehen. Und weit reicht der Blick. Das würde Amalberga vielleicht sagen, jene Skulptur, die mit aufgeschlagenem Buch auf einer Klippe des Ofentaler Berges steht. Aber sie schweigt. Mit ihrem Schweigen spricht sie die Stillegänger natürlich an. So rasten sie bei ihr und schauen in die Ferne. Und nach dem Kosten weit gereifter Weintrauben wartet schon wieder der Abstieg ins Tal. Verbunden mit der Anregung, dass man das Forte an Geräuschen vielleicht gar nicht immer bekämpfen muss. Es lässt sich auch übergehen.

Liebenswerter Lärm

Und manchmal kann man sich den Lärm sogar vertraut machen. Das legt jedenfalls die von Amet Bick erzählte Geschichte nahe, in der Mönche in ihrem Waldkloster wegen eines vom Wind herbeigewehten Dauerlärms nicht mehr zum Meditieren kommen. Schließlich suchen sie die Quelle der Unruhe und finden im Tal ein Fest mit Menschen, die sich alles in allem als liebenswert entpuppen. Und die Absteiger der Stille feiern mit, durchstreifen Gassen, Cafés, Wehrgänge, Kirchen und Parks. Und als es Abend geworden ist, fließt das Wasser der Saale noch immer gemächlich still das Tal hinab.

GangART ist eine von Georg Magirius begründete Reihe spiritueller Tagestouren durch Rhön, Odenwald, Steigerwald, Spessart, Haßberge, Taunus, Schwarzwald und das Fränkische Weinland. Bei 45 Touren nahmen fast 1.000 Wanderer und Pilgerinnen teil. Resonanz erfährt GangART z.B. in Publik-Forum, im Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, im Rucksackradio des BR, im Deutschlandfunk, im Mainfrankenmagazin Tiepolo und im HR, Die nächsten Touren: Am 25. April 2020 geht es unter dem Motto “Die Feier der Gemächlichkeit” zum Kloster Neustadt am Main, am 9. Mai 2020 unter dem Motto “Das Geheimnis des Hexenbaums” in den Hochspessart.

Stille erfahren

Das von Georg Magirius herausgegebene Buch “Stille erfahren” ist unter dem Lektorat von Dr. Esther Schulz und Jochen Fähndrich bei Herder erschienen – mit Beiträgen von Amet Bick, Manuela Fuelle, Uwe Kolbe, Georg Magirius, Ann-Kristin Rink, Bernardin Schellenberger, Arnold Stadler. Fotos: Petra Mathein und Georg Magirius. 

Balsam für die Seele

Lesen kann Balsam für die Seele sein. Das schreibt die Redakteurin Stephanie von Selchow im EFO-Magazin vom 8. August 2019. Sie weist dabei auf die sieben Erfahrungsberichte aus dem vom Theologen und Schriftsteller Georg Magirius herausgebenen Buch „Stille erfahren“ hin. Diese böten die verschiedenartigsten Anregungen, den eigenen Weg in die Stille zu finden. Sei es beim Schwimmen, beim einfachen Sitzen auf dem Kissen, wie es Amet Bick erzähle, oder beim Lesen, Sprechen und Hören von Gedichtzeilen, wie es Arnold Stadler widerfahre. Dass die Stille an den erstaunlichsten Orten laut werden könne, zeige der Reisebericht von Ann-Kristin Rink. Sie erfahre, wie “Fragen laut werden, die in ihrer Alltagshektik nicht an die Ober­fläche kommen.“ Den Beitrag von Stephanie von Selchow >>> lesen.

Georg Magirius: Stille erfahren – Impulse für Meditation und Gottesdienst. Herder Verlag, 128 Seiten, 18 Euro

Wege aus der Dauerhektik

Wege aus der Dauerhektik zeigt das Buch „Stille erfahren“ des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius, das dieser Tage bei Herder erscheint. Das Buch reagiert darauf, dass das Lebenstempo ständig zuzunehmen scheint. Mit der Hektik wächst der Wunsch nach Ruhe. Das Buch öffnet Wege in eine Stille, die viel mehr ist als die Abwesenheit von Lärm. Bekannte Autorinnen und Autoren erzählen von spirituellen Ruheräumen, in denen man sich aufgehoben fühlen kann: beim Schneefall, im Kino, beim Schwimmen im See, im Nachhall der Musik – oder auch in quirligen Großstädten Europas. Dort wird die Alleinreisende Ann-Kristin Rink von Momenten der Stille überrascht. Andere jedoch wollen Stille herstellen oder gar erzwingen.

Stille überrascht

So beobachtet es der vielfach für sein lyrisches Werk ausgezeichnete Uwe Kolbe. „Manchmal heißt es, Stille herrsche. Wenn das so gesagt wird, ist es oft positiv gemeint. Sie herrsche dann ‚wirklich‘, sie herrsche ‚endlich‘, sie herrsche da oder dort, an einem Ort, an dem, der es sagt, sich erholen kann. Ich könnte mich da nicht erholen.“ Für Kolbe gilt: „Stille ist die Überraschung. Sie gleicht der Nachricht, die du nicht erwartet hast. Ob gut oder schlecht, einen Moment lang bist du nicht sicher.“ Die Gedanken der Thaddäus-Troll-Preisträgerin Manuela Fuelle kommen zur Ruhe, „wenn ich die alte Haustür streiche, die Spinnweben beseitige, die knarrenden Treppenstufen fege, im Sommerhaus übernachte, die Umgebung erkunde, solange, bis das kleine Zimmer in mich hineingewachsen ist.“

Schwester der Stille: die Langsamkeit

Arnold Stadler

Der Büchner-Preisträger Arnold Stadler erfährt Stille in der Langsamkeit und immer dann, wenn auf das Wort „Druck machen“ verzichtet wird, es wäre sein Vorschlag für das Unwort des Jahres. Bernardin Schellenberger, der viele Jahre in einem Schweigekloster gelebt hat, erfährt im Wald eine lebendige Stille, „das Rauschen der Wipfel im Wind, das Knarren von Stämmen, die Stimmen von Vögeln, das Huschen von Tieren, das lautlose Herabrieseln von Blättern“. Es sind Geräusche und Bewegungen, die die Seele festigen, weil sie „nichts von mir wollen und mich zu nichts auffordern“. Stille könne aber auch grausam und sogar tödlich sein, warnt Schellenberger.

Ein Fest feiern

Amet Bick

Amet Bick erzählt von Menschen, die sehr viel Erfahrung mit Stilleübungen haben. Eines Abends fühlen sie sich gestört, weil ein permanenter Lärm wirklich jede ihrer ambitionierten Meditationsübungen unmöglich macht. Schließlich suchen die verärgerten Stillesucher die Quelle des Lärms. Und was finden sie? Gar nicht mal so unmögliche Menschen, die gerade ein Fest feiern. Und die Stillesucher feiern mit.

Das Preisrätsel

Der Herder-Verlag hat drei Exemplare des Buches “Stille erfahren” für das Preisrätsel von Magirius-aktuell zur Verfügung gestellt. Sie werden unter denen verlost, die die richtige Antwort auf die folgende Frage bis zum 14. Juli 2019 an buero@georgmagirius.de senden. Die Preisfrage:

Wo entdeckt Georg Magirius in seinem Beitrag Stille?

A: Beim Pilgern

B: Im Stadion

C: Im Freibad

Ein Tipp findet sich >> hier: Die Antwort einsenden an buero@georgmagirius.de Einsendeschluss: 14. Juli 2019 (Postadresse nicht vergessen wegen des möglichen Gewinnns.)

Georg Magirius (Hg.), Stille erfahren, 128 Seiten, gebunden, Lektorat: Dr. Esther Schulz und Jochen Fähndrich, ISBN: 978-3-451-34996-6, Herder Verlag 2019, 18 Euro

Du und ich – mehr nicht: Zum 65. Geburtstag von Arnold Stadler

Arnold Stadler wird 65 Foto von Georg MagiriusWas ist es, das seinem Schreiben solch ungewöhnliche Resonanz beschert? Die Romane von Arnold Stadler, der am 9. April 2019 seinen 65. Geburtstag begeht, erreichen mehrere Auflagen. „Die Menschen lügen. Alle“, seine Übertragung biblischer Psalmen ins Deutsche, befindet sich sogar in der 14. Auflage. Dem Schriftsteller, der ursprünglich Theologie studiert hat, ist mit dem Georg-Büchner-Preis die im deutschsprachigen Raum renommierteste literarische Auszeichnung verliehen worden. Dazu hat er viele weitere Preise erhalten. Zu seiner Promotion in Germanistik gesellt sich eine Ehrendoktorwürde in Theologie.

Doppelter Doktor und Ehrenbürger

Und nun gilt der Prophet auch noch in seiner nächsten Umgebung etwas. Aus Anlass seines Geburtstags wird Stadler doppelter Ehrenbürger, nämlich von Meßkirch, wo er geboren und zur Schule gegangen ist. Und von Sauldorf, zu dem Rast gehört. In diesem Dorf ist er aufgewachsen und lebt dort auch heute noch, wenn er sich nicht gerade in Sallahn im Wendland oder in Berlin befindet. Im Meßkircher Schloss werden vom 12. bis 14. April 2019 auf einem Symposion Germanisten, Historiker und Theologen durch seine Werklandschaft spazieren. Ein Film von Anita Eichholz über ihn ist zu sehen. Und so unterschiedliche Kollegen wie Martin Walser, Gaby Hauptmann oder Andreas Maier lesen an einem Abend aus ihren Werken.

Stille

Warum aber ruft sein Werk denn nun dieses Echo hervor? Es dürfte damit zu tun haben, dass der Grund von Arnold Stadlers Schreiben einen überraschend anderen Charakter als ein vielstimmiges Symposion hat. Es kommt auch nicht aus seiner ungewöhnlichen Begabung zum Geselligen – wenigstens nicht allein. Stattdessen gründet es in der Stille, die manchmal so etwas wie Einsamkeit oder sogar Isolation sein kann. Oder nein! Genau genommen handelt es sich um eine Form der Stille, die eine höchst intensive, aber intime Form der Begegnung ist.

Hören

Sie lässt Schönheit erfahren. Vor allem Schreiben war bei ihm das Hören – etwa in der Heiligen Messe oder vor dem offenen Grab.  Auf Latein hörte der ministrierende Junge Worte der Heiligen Schrift, hat er im Hessischen Rundfunk einmal erzählt. Das Gesagte habe er nicht verstanden, aber gerade dadurch mehr erkannt, weil ein Nicht-Verstehen viel tiefer gehen könne als ein Verstehen-Wollen, das die Sprache zu einer Transportmaschinerie von Informationen degradiere. Eher ging es bei dieser Spracherfahrung um Sehnsucht, die sich wie Erfüllung anfühlt.

Ein Buch und zwei Augen

Das kann auch beim Lesen möglich werden. „Es ist wie bei der Liebe. Du und ich. Ein Buch und zwei Augen. Mehr nicht“, schreibt Stadler in seiner im Juni 2019 bei Herder erscheinenden Veröffentlichung über Stille. Sie sei für ihn allerdings nicht über ein High Tech Gerät erfahrbar, in dem alle Bücher der Welt abrufbar seien. Stattdessen ist es etwas Leises, fast Abwegiges, „etwas Einsames, Großes.“

Grundlegendes

Aus diesen Zeiten der Abkehr und Einkehr entfaltet sich sein Schreiben. Dass er auch abseits des Verlages veröffentlicht, in dem seine Romane auflagenstark erscheinen, irritiert daher kaum. Gerade auch dieses weniger bekannte Terrain seines Schreibens ermöglicht einen starken Zugang zu seinem Werk. Denn es führt dorthin, wo es immer wieder seinen Anfang nimmt: in einer Intimität, die zuweilen an ein Gebet erinnert. Auch wenn das in den Augen mancher womöglich als vernachlässigbar gilt, als nicht nachvollziehbar exzentrisch, zu leise, nebensächlich, peinlich, fromm oder provinziell, so handelt es sichArnold Stadler in Sallahn Foto von Georg Magirius dabei jedoch um eine Berührung mit dem Grundlegenden.

Provinz und Welt

So hat Stadler den Essay “Da steht ein großes JA vor mir” über die Verhüllung eines Kruzifixes in einer Kirche veröffentlicht. Oder ein Buch über den Maler Jakob Bräckle, in dem sich eine erschütternde Annäherung an dessen Absteigen in die unkontrollierbare Tiefen der Stille findet. Und in dem Fotoband „Pfrunger-Burgweiler Ried“ von Wolfgang Veeser schreibt Stadler, dass der Mensch das Wort “Provinz” wie früher der Teufel das Wort “Weihwasser” fürchte. Doch in Zeiten der Globalisierung, Vernetzung und Verstrickung gebe es keine Provinz mehr. „Sondern nur Welt. Das Wort ‚Provinz‘ hat ausgedient, wer das noch nicht gemerkt hat, ist tatsächlich provinziell.“

Fünf Vorteile einer stillen Lebensweise

Miroslava Stareychinska Zeitz 2019 Foto Matthias KeilholzDas Konkurrieren um die krachendsten Töne überlässt sie anderen. Trotzdem hat die Stille ungewöhnliche Kräfte. Nähere man sich ihr mit Musik, könne sie zu einer Entschleunigung führen, schreibt René Weimer in der Mitteldeutschen Zeitung vom 23. Februar 2019 anlässlich “einer wunderbaren Klanglesung” in Zeitz, zu der “rund 80 Gäste in das Evangelische Gemeindezentrum Luckenau gekommen” waren. “Sie lauschten der Harfenmusik von Miroslava Stareychinska und den Worten von Schriftsteller Georg Magirius.”

Ein Lob auf die Schlaflosigkeit

Georg Magirius Zeitz 2019 Foto Matthias KeilholzDie Stille beruhige nicht nur das Lebenstempo, schreibt Matthias Keilholz auf noezz.de vom 23. Februar 2019 über den Abend zu Ehren einer oft vergessenen Lebenskraft. Sie führe auch zur Wachheit: “Sie kann so leise sein, dass man nicht schlafen kann.” Ohne Worte stimme die Stille zuweilen ein Loblied an, könne den Alltag verzaubern und Verborgenes offenbaren. Das also sind fünf Erkenntnisse einer stillen Lebensart: Das Langsame, das Erwachen, das Loben, die Verzauberung des Alltags und der Respekt vor dem Verborgenen. Fotos: Matthias Keilholz.

Am 28. Juni 2019 erscheint im Herder Verlag das von Georg Magirius herausgegebenen Buch “Stille erfahren” mit Beiträgen von Arnold Stadler, Bernardin Schellenberger, Ann-Kristin Rink, Georg Magirius, Uwe Kolbe, Manuela Fuelle und Amet Bick. Lektorat: Dr. Esther Schulz.

Wie Religionen Krieg und Frieden stiften

Für Martin Luther King, der heute vor 50 Jahren ermordet wurde, war Gerechtigkeit kein abgehobenes Ideal. Die Vision einer besseren Welt hatte bei ihm eine ganz konkrete Gestalt. Das zeigt sich, als seine Worte 1963 während des Marsches nach Washington einen großen Auftritt haben. Eine Viertel Million Menschen vor Martin Luther King, Millionen am Fernsehen. „Ich habe einen Traum“, sagt er. Und entwirft Bilder von Freiheit, Zukunft und Versöhnung: Kinder von Sklaven­haltern und Sklaven sitzen an einem Tisch. Schwarze und Weiße, Juden, Nichtgläubige, Christen, Protestanten und Katholiken reichen sich die Hände.

Religionen stiften Frieden

Dann sagt Martin Luther King zum siebten Mal: Ich habe einen Traum –  und spricht mit Worten des biblischen Propheten Jesaja: “Ich habe den Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht, jeder Berg und Hügel erniedrigt werden. Die rauen Orte werden geglättet und unebene Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.“ Kings umjubelte Rede ist ein Beispiel dafür, wie religiöse Worte Versöhnung gestiftet haben. Die oft als Buch der Bücher bezeichnete Schrift hat indessen auch auf gar nicht heilige Weise gewirkt – bis heute. „Es muss sich nur einmal ein Kanzelredner auf ein Bibelwort versteifen, um es Hörern um die Ohren zu hauen. Die Gemeinde kann nicht widersprechen“, beschreibt Georg Magirius die Problematik im Umgang mit dem weltbewegenden Buch in seiner Sendung im Hessischen Rundfunk.

Religionen säen Krieg

„Mit Bibelzitaten wurden sogar Kriege gerechtfertigt. Zur Zeit der Kreuzzüge galt die Christenheit beispielsweise als riesiges Heer, das in der Gefolgschaft Christi die Heiligen Stätten Jerusalems befreien sollte.“ Nicht unschuldig an der Vorstellung vom Heiligen Krieg sei ein Vers aus dem Lukasevangelium, so Magirius: „‘Die Jünger aber sprachen zu Jesus: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug.‘ Bei den zwei Schwertern, so im 12. Jahrhundert der einflussreiche Theologe und Politiker Bernhard von Clairvaux, handle es sich um weltliches und geistliches Schwert. Und beide seien Kirche und Papst übergeben.“

Alte Worte Foto von Eva GiovanniniDie Sendung „Das Buch der Bücher“ mit den Stimmen von Martin Luther King, den Puhdys, Thomas Hieke, Christian Führer, Friedrich Karl Barth, Erich Zenger, Arnold Stadler kostenfrei auf dem Bildungsserver des Landes Hessen >> hören. Das Manuskript >> lesen. Sprecher: Volker Kraeft, Jörg Krumpholz, Regie: Burkhard Schmid, Redaktion: Dr. Arne Kapitza.

Foto: Eva Giovannini.

Abschied von der Verlogenheit

Es gibt kein verlogeneres Wort für das Sterben als Gehen, denn die Toten kommen nicht wieder. Das schreibt Georg Magirius im Beitrag “Abschied” in der Evangelischen Sonntags-Zeitung vom 26. November 2017. Das könne ermuntern, der angeblichen Berechenbarkeit des Lebens den Abschied zu geben. Denn ein Trauerworkshop ist auch keine Lösung. Und nicht jeder Verlust wird zur Chance, allenfalls dann, wenn man die Trauer zu einem Wohlfühloptimierungsprogramm  umzulügt. Den Beitrag lesen >>> hier. Redaktion: Martin Vorländer.

Lebenshilfe Literatur

Moritz Stoepel (c) Veronika Sergl-VahlenkampDer Schauspieler und Sprecher Moritz Stoepel gibt Dichterinnen und Poeten Stimme, die am 1. November 2017 im Bayerischen Rundfunk von der Unergründlichkeit der Trauer erzählen. In der auf BR 2 ausgestrahlten Sendung “Abschied. Der Anfang von etwas anderem” (Sendung >> jetzt hören) von Georg Magirius zeigen Texte von Siegfried Lenz, Karen Köhler, Bertolt Brecht, Arnold Stadler, Lenka Reinerová, Stefan Zweig und Robert Gernhardt: Abschied ist kein Problem, das sich im Stil eines Kreuzworträtsels lösen oder mithilfe der richtigen Bedienungsleitung aus der Welt bugsieren lässt. Stattdessen helfe die Sprache der Poesie, weil sie Abschied als Geheimnis verstehe.

Die begrenzte Kraft der Riten

Indem die Literatur den Schmerz nicht überspiele, heißt es in der Sendung, finde sie einen Weg aus der Sprachlosigkeit, die das vielleicht bestimmendste Merkmal beim Abschiednehmen sei. Damit unterscheide sich die Sichtweise des Erzählens auch von Trauerriten der Kirchen, die vielen offenbar nicht mehr weithelfen könnten, weil oft überhaupt keine Trauerfeier mehr gewünscht werde. Auch die Alternativen moderner Bestatter, den Sarg bunt anzumalen und das Ende zu feiern, setzten sich nicht durch. Sonst wären neuerdings nicht Trauerknigges gefragt, die althergebrachte Regeln in Erinnerung rufen.

Die Widersprüchlichkeit der Psychologen

Auch die Trauerratgeber der Psychologen wirken laut Magirius angesichts der unauslotbaren Tiefe des Abschieds überfordert: “Über Jahrzehnte haben sie geraten, bewusst durch die sogenannten Trauerphasen hindurchzuwandern, den Toten schließlich loszulassen und ins Leben zurückzukehren. Aus derselben Branche heißt es jetzt: Bei schweren Verlusten hilft es gerade umgekehrt zu lernen, mit der Trauer ein Leben lang zu leben.”

Seelsorge in engagierter Form

Wie immer man sich dem Phänomen Abschied nähere: Solange man es zu regeln versucht, werden Ohnmacht und Sprachlosigkeit nur vertuscht, resümiert Magirius. Denn Abschiede seien unfassbar, unbeherrschbar, unergründlich. Statt nach einem allgemeingültigen Umgang mit ihm zu suchen, gelte es den Einzelnen in den Blick zu nehmen. Und er verweist auf den Theologen und Schriftsteller Arnold Stadler, der sagt: „Jedes literarische Buch, das seinen Namen verdient, ist eine Form von Seelsorge, und zwar in einer sehr engagierten Form. Es geht nämlich um eine einzelne Seele – das ist der Idealfall. Abschied - edition chrismonEs geht nicht abstrakt um Totalitäten, nein, es geht um den Einzelfall – wie bei Jesus.“

Abschied – Der Anfang von etwas Anderem, Sendung von Georg Magirius, BR2, 1. November 2017, (Sendung >> jetzt hören) Katholische Welt, Sprecherin: Birgitta Assheuer, Sprecher: Moritz Stoepel, Ton: Marc Klaesius, Musik: Lavinia Meijer spielt Philip Glass (Metamorphosis), Redaktion: Wolfgang Küpper. Von Georg Magirius ist gerade in der edition chrismon das Buch erschienen: Abschied. Geschichten von Loslassen und Neuanfangen, Leipzig 2017. Lektorat: Annegret Grimm.

Unverkrampfter Trost in großer Trauer

In Zeiten der Trauer hilft es, den Schmerz nicht zu bagatellisieren. Das ist der fast ungewöhnlich zu nennende Ausgangspunkt des Trauerbegleiters “Du aber bist mir Du aber bist mir Trost und Hilfe - Begleiter für TrauerndeTrost und Hilfe”. Die gewöhnliche Reaktion auf den Tod scheint heute nämlich zu sein, das Wort “sterben” durch das Wort “gehen” zu ersetzen, wie Arnold Stadler in seinem kaum greifbar und befreiend tiefsinnigen neuen Roman “Rauschzeit” schreibt. Doch dieser Ersatzhandlung verweigert sich der mit Fotos von Andrea Göppel erschienene Trauerbegleiter. Stattdessen traut er der Stimme von Bibelworten, Dichterinnen und Autoren, die die Kraft haben zu trösten, weil sie Raum für das Untröstliche lassen, es also nicht abtragen oder wegschaffen wollen. Der Band umfasst Gedichte, Lieder und Betrachtungen von Rudolf Bohren, Hilde Domin, Rainer Maria Rilke, Eugen Roth, Judith Butler, Dietrich Bonhoeffer, Georg Magirius, Friedrich Rückert, Jochen Klepper und Marie Luise Kaschnitz. Weitere Informationen und Leseprobe >>> hier.

Du aber bist mir Trost und Hilfe, Begleiter für Trauernde, 48 Seiten, 7.99 Euro, Herder Verlag 2016, ISBN 078-3-451-34959-1.