Abschied, Neues Leben

Das Ende der Askese

Viele Menschen machen sich ganz selbstverständlich Vorstellungen vom Jenseits. Allerdings nicht so die Theologen. Das schreibt die Theologin Henriette Crüwell in ihrem Beitrag „Wie sieht’s im Himmel aus?“ in der „Evangelischen Sonntagszeitung“ und in „Der Sonntag“ vom 19. April 2020. Die Scheu, sich den Himmel auszumalen, stellt die Pfarrerin auch bei sich fest. Andererseits verspüre sie den Wunsch nach einem bilderstarken Himmelsglauben. Das wäre das Ende der Askese. Deshalb könne Crüwell die Enttäuschung der hochbetagten Marie Rosa aus Gabriele Wohmanns Roman „Bitte nicht sterben“ verstehen. Marie Rosa erhält an ihrem Geburtstag von einem Pfarrer Besuch. Auf ihre Bitte „Erzählen Sie mir was vom Jenseits“ kann er nichts antworten.

Ende der Askese: Vanilleeis im Jenseits

Das Ende der Askese war für Gabriele Wohmann eine Selbstverständlichkeit - hier zu sehen ist Gabriele Wohmann unter Fans nach einer Lesung aus "Sterben ist Mist, der Tod aber schön".
Gabriele Wohmann nach einer Lesung aus “Sterben ist Mist, der Tod aber schön”. (c) Heilspraxis Magirius

Auf die von Crüwell entdeckte, in dem Roman zur Sprache kommende Hilflosigkeit heutiger Theologen hat der Theologe und Schriftsteller Georg Magirius dreizehn Jahre zuvor in „Kurz bevor der Vorhang aufgeht“ aufmerksam gemacht. Und zwar in einer im Schweizer Radio, Bayerischen Rundfunk und Südwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlten Sendung über moderne Schriftsteller zur Auferstehung. Außerdem ist sie der Ausgangspunkt in seinem vom Hessischen Rundfunk gesendeten Wohmann-Porträt „Kurz vor dem Vanilleeis mit Schokoladensauce“.

Sterben ist Mist

Wohmann hat in dem Roman “Bitte nicht Sterben” freilich nicht nur das Schweigen der Theologen konstatiert. Sie hat selbst Bilder vom Jenseits formuliert. Das hat Magirius in dem 1997 beim Evangelischen Pressedienst veröffentlichten Porträt zu Wohmanns 65. Geburtstag nachgezeichnet. Schließlich hat die als Königin der Kurzgeschichte gerühmte Autorin, von Magirius angeregt, 2011 in „Sterben ist Mist, der Tod aber schön“ einen Band lang ihre Vorstellungen vom Himmel formuliert. Magirius wiederum stellte 2013 in „Schmetterlingstango. Leben mit einem totgeborenen Kind“ seine Bilder vom Jenseits vor. Er ermutigt darin nicht nur Trauernde, sich beim Ausmalen des Himmels alle Freiheit zu nehmen.

Das Ende der Askese

Hoffnungsbilder vom Jenseits zu entwickeln, sei nicht wider die Vernunft, schreibt Magirius in “Schmetterlingstango”. Dabei verweist er auf die vom Philosophen Paul Ricouer ins Spiel gebrachte „Zweite Naivität“, einen Weg zur Wiederentdeckung der Fantasie. Sie stellt nunmehr auch Pfarrerin Henriette Crüwell in ihrem Beitrag vor. Denn die sprachliche Askese der Theologen beim Glauben auf ein Leben nach dem Tod wirke nicht gerade farbig, tröstlich und zukunftsfroh. Ihr Beitrag „Wie sieht’s im Himmel aus?“ ist hier. Die Redaktion haben übrigens Andrea Seeger und Stefan Seidel.