Mitgenommen vom großen Legato des Lebens

Rundklang, Ganzklang, Weitklang … man sucht nach ungewohnten Worten, um den Charakter der CD “Water Scenes” treffend zu beschreiben. Vielleicht aber kann man sich ihm am besten paradox annähern: Dieses Werk ist von einem Gleichmut durchzogen, der aufwühlt und beruhigt. Es ist der Mut, trotz Unterschieden den Ton des Gemeinsinns anzustimmen.

Herrschaftsfrei

Denn das Spiel der Klarinettistin Kerstin Figge und der Harfenistin Christiane Voth ist davon bestimmt, dass nichts für sich zu klingen braucht. Natürlich ist immer wieder einmal die eine der beiden Folkwang-Absolventinnen allein zu hören, dann wieder die andere, was aber kein Wettstreit um eine musikalische Vorherrschaft ist. Ein Wort wie Herrschen ist hier ohnehin völlig fehl am Platz. Die andere Stimme setzt zuweilen so unmerklich ein, dass man gar nicht sicher weiß, ob schon wieder beide zu hören sind. Das ist so verwirrend gekonnt, dass sich der Klang der einen kaum vom Klang der anderen unterscheiden lässt, sie fließen ineinander.

Gewitzt

Was aber kein Alles-ist-ein-Einerlei zur Folge hat. Der Klang des Albums schwimmt nicht im Strom des Üblichen. Das ist es ja gerade! Bei den “Water Scenes” handelt es sich nicht um ein mit Korrektheit ausgeführtes Zusammensetzen zweier Duo-Klang-Hälften in Baukastenmanier. Genauso wenig findet sich das in eine andere Reichtung zielende, aber ähnlich verbreitete Abbrennen eines akzentuiert-affektierten Effektfeuerwerks. Das Musizieren der beiden ist einfach dazu da, mit der jeweils anderen in ein Spiel zu treten, um zu jener gewitzten Ruhe zu finden, aus der etwas Neues entstehen kann.

Umfassend

Von mehreren Kontinenten stammen die Szenen der CD, etwa vom zeitgenössischen Harfenisten Bernard Andrés oder der Komponistin Skaila Kanga, auch vom Impressionisten Claude Débussy oder der in der Wiener Klassik sich bewegenden Maria Theresia von Paradis. Es findet sich ein Tanz aus dem 16. Jahrhundert, dazu Traditionelles, dessen zeitlicher Ursprung nicht fassbar ist. Und doch klingt all das wie ein Ganzes. Zwischen den Stücken sind keine auffälligen Pausen montiert – nach dem Motto: Aufgepasst, jetzt kommt etwas Anderes! Fast scheinen die Stücke ineinander überzugehen, die Grenze jedenfalls wirkt nicht wie ein Ende oder Abbruch, sondern wie ein logisches Atemholen. Der Kontrast ist nicht das Ziel. Wie sich überhaupt keine exzentrischen Mount-Everest-Posen finden, genauso wenig der handelsübliche Missbrauch eines Schlussakkords zum Auftrumpfen der eigenen Wichtigkeit.

Natürlich

Das mag daran liegen, dass der Klang der Klarinette an keiner Stelle in das von manchen gefürchtete Näselnde wandert, in dieses In-den-Vordergrund-Drängende, in ein Hallo-jetzt-durchdringe-und-übetöne-ich-alles-Andere-durch-mein-bewusst-forciertes Timbre, das weder Klang noch Widerspruch neben sich duldet. Nein, vollendet atemreich spielt Kerstin Figge, ein weicher, voller, warmer Ton ist das. Selbst schnelle Tempi, in die die Wasserszenen zuweilen münden, wirken so, als hätten diese sich von selbst gewählt: natürlich. Nichts stürzt dann – wie man das bei hochgejubelten Virtuosen manchmal erleben muss – heftig prasselnd voraus, um den Lauschenden abzuhängen, der den virtuosen Sprinterinnen hechelnd nachzuschauen hat: kaum noch erkennbar sind die Könner, am Ziel, lauter Sieger. Man selbst aber ist auf der Strecke geblieben, ringt noch immer um Atem – einfach nur ein Hörer, der nicht davon lassen will an einen Klang zu glauben, der mitnimmt und trägt.

Gönnen

Dieser provozierende Verzicht auf ein zum reinen Leistungssport mutierten Musizieren führt dazu, dass sogar der übliche Klezmer-Sound unterwandert wird. In Deutschland hat dieser im Publikum ein sofort einsetzendes und reflexhaft wirkendes fröhliches Nicken zur Folge, verbunden mit Jajajas und hüpfend-schnickenden Ah-Oh-Ah-Bestätigungen. Doch bei den Water Scenes erkennt man anfangs kaum, worum es sich handelt. Denn eine traditionelle Weise wie Miriambrunnen wird nicht mit Salti, Schrauben und anderen turbulenten Verrenkungen auf der Klarinette dargeboten. Stattdessen ist da erneut dieses Fließen, ein fantastisch und weit ausgelegtes Legato, das die Fröhlichkeit von aller verkrampften Aufgedrehtheit befreit. Kerstin Figge ist jemand, die gönnen kann, sich selbst und anderen: Luft.

Bewusst

Oder haben die beiden Interpretinnen diesen aufregend ruhigen Gleichklang gar nicht gewählt? Weil sie auf den Stil hackend-hechelnder Artistik nicht zurückgreifen können, weil dieser sich aus welchen Gründen auch immer nicht in ihrem Repertoire befindet? So wird vielleicht mancher fragen, da es so selten und dadurch herrlich eigenwillig ist: dieses Ineinandertönen, dem es nie ums Übertönen geht. Doch nein! Dieser Klang ist ein die ganze CD bestimmendes, grundierendes, bewusstes Wollen. Das leuchtet schon deshalb ein, wenn man an das Instrument der Harfe denkt. Viele nennen sie Königin der Instrumente, wenn sie nicht gerade Fans der Orgel sind.

Selbstverständlich

Weshalb es dann beim Harfenspiel gern darum geht, sich mit der Pracht des Instruments in die Höhe, ins Licht, am besten zu den Engeln zu katapultieren. Wo es freilich nicht ums Fliegen, sondern ums Thronen geht, also weniger darum, dass die Musik als Botin einer erhebenden Macht werden kann. Christiane Voth indessen spielt kein einziges Solostück und sich nicht auf. Es klingt erleichternd irdisch, ihr stetes Strömen, das den Eindruck vermittelt, niemals müde zu werden, klänge es tatsächlich immer weiter. Getragen von einer Selbstverständlichkeit, die nie dem Wahn verfällt, sich vom Fluss des Lebens unterscheiden zu wollen. Was aber kein willenloses Mitschwimmen ist! Stattdessen hört es sich wie ein Ja dazu an, dass weder Verharren noch Erstarren zu einer Lösung führt.

Mit leichten Zügen

Oder ist dieser Höreindruck übertrieben? Eine auf effektvolle Formulierungen zielende Interpretation von Musik? Wobei doch ohnehin klar ist, dass Worte ein wahrhaftiges Musizieren allenfalls bestaunen, aber nicht erfassen können. Doch bei dem Eindruck handelt sich um kein Hörgespinst: Denn auf dem CD-Cover findet sich, wonach dieser Klang strebt. Schilfhalme, Harfensaiten und die Klarinette gehen ineinander über, verschwimmen zu einem Bild. Wer in die Water Scenes eintaucht, schwimmt mit Genuss und leichten Zügen. Und fühlt sich getragen von dieser Musik, die einstimmt in das atemgroße Legato des Lebens.

Water Scenes, Kerstin Figge – Klarinette, Christiane Voth – Harfe, pk-media. Weitere Informationen unter www.christiane-voth.de Foto: (c) www.christiane-voth.de

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *