Die Rebellion der leisen Töne

Ständig scheint das Lebenstempo zunehmen. Um nicht abgehängt zu werden, gilt es, möglichst immerzu erreichbar sein. Die Harfenisten Miroslava Stareychinska und der Schriftsteller Georg Magirius setzen in einer Klanglesung am 22. Februar um 19 Uhr im Gemeindezentrum Luckenau in Zeitz bezaubernd leise Töne gegen das Gebot gegenwärtiger Aufgeregtheit.    Klanglesung mit Georg Magirius und Miroslava Stareychinska in Zeitz

Im Land der Stille

Dank der spirituellen Worte und Klänge wird der innere und äußere Lärm allmählich abgestreift. Und wie von selbst öffnet sich die Tür ins Land der Stille. Dort wartet ein Frieden, der unkündbar ist – und sei es nur für eine Stunde. Die international tätige Konzertharfenistin Miroslava Stareychinska spielte bei den Berliner Philharmonikern, dem Radiosinfonieorchester Stuttgart und im Opern- und Sinfonieorchester der Stadt Plowdiw, der europäischen Kulturhauptstadt 2019. Immer wieder ist sie als Jazzmusikerin zu hören, etwa mit der hr-Bigband,  den Red Hot Hottentots, mit Pablo Peredas oder der Bassistin Lisa Wulff.

Im Haus der Krimikracher

Evangelisches Gemeindezentrum Luckenau Foto von Matthias KeilholzDas evangelische Gemeindezentrum Luckenau hat im Burgenlandkreis und der Region Zeitz als Veranstaltungsort einen exzellenten Ruf. In ihm werden Hochzeiten, indische Abende, Geburtstage, Worte der Bibel und und andere dramatische Texte gefeiert. Zu erleben sind zum Beispiel das Geheimnis der dunklen Truhe, Krimikracher wie “Arsen und Spitzenhäubchen” – und nun eben die rebellische Macht der leisen Töne. Die Leitung des Abends hat Pfarrer Matthias Keilholz. Fotos: Rüdiger Döls, Matthias Keilholz, Simon Zimbardo. Plakatgestaltung: Dr. Daniel Thieme.

Ein Rückblick auf die Klanglesung mit Fotos findet sich >> hier.

FREIE UNIVERSITÄT BERLIN
STUDIENKOLLEG
FÜR AUSLÄNDISCHE STUDIERENDE
D-12163 BERLIN STEGLITZ
BRENTANOSTRASSE 50
Telefon
++ 49 – (0)30 – 838 54 130
Fax
++ 49 – (0)30 – 838 54 138
E-Mail
studkoll@zedat.fu-berlin.de
Homepage www.fu-berlin.
de/fu-international
M u s t e r t e x t
5
10
15
20
25
30
35
40
Gabriele Wohmann
Ein netter Kerl
(1978)
Ich habe ja so wahnsinnig gelacht, rief Nanni
in einer Atempause. Genau wie du ihn be-
schrieben hast, entsetzlich.
Furchtbar fett für sein Alter, sagte die Mutter.
Er sollte vielleicht
Diät essen. Übrigens, Rita,
weißt du, ob er ganz gesund ist?
Rita setzte sich gerade und hielt sich mit den
Händen am Sitz fest. Sie sagte: Ach, ich glaub
schon, daß er gesund ist. Genau wie du es er-
zählt hast, weich wie ein Molch, wie Schlamm,
rief Nanni. Und auch die Hand, so weich.
Aber er hat dann doch auch wieder was Liebes,
sagte Milene, doch, Rita. ich finde, er hat was
Liebes, wirklich.
Na ja, sagte die Mutter, beschämt fing auch sie
wieder an zu lachen:
recht lieb, aber doch
gräßlich komisch. Du hast nicht zuviel ver-
sprochen. Rita, wahrhaftig nicht. Jetzt lachte
sie laut heraus. Auch hinten im Nacken hat er
schon Wammen, wie ein alter Mann. rief Nan-
ni. Er ist ja so fett, so weich, so weich. Sie
schnaubte aus der kurzen Nase, ihr kleines
Gesicht sah verquollen aus vom Lachen.
Rita hielt sich am Sitz fest. Sie drückte die Fin-
gerkuppen fest
ans Holz.
Er hat so was Insichruhendes, sagte Milene.
Ich find ihn so ganz nett. Rita, wirklich, komi-
scherweise.
Nanni stieß einen winzigen Schrei aus und
warf die Hände auf den Tisch; die Messer und
Gabeln auf den Teller klirrten.
Ich auch, wirklich, ich find ihn auch nett,
rief sie. Könnt ihn immer ansehn und mich
ekeln.
Der Vater kam zurück, schloß die Eßzim-
mertür, brachte kühle nasse Luft mit herein.
Er war ja so ängstlich, daß er seine letzte
Bahn noch kriegt, sagte er. So was von ängst-
lich.
Er lebt mit seiner Mutter
zusammen
, sagte Rita.
Sie platzten alle heraus, jetzt auch Milene.
Das Holz unter Ritas Fingerkuppen wurde
klebrig. Sie sagte: Seine Mutter ist nicht ganz
gesund, soviel ich weiß.
Das Lachen schwoll an, türmte sich vor ihr
auf, wartete und stürzte sich dann herab, es
spülte über sie weg und verbarg sie lang genug
für einen kleinen schwachen Frieden. Als er-
ste brachte die Mutter es
fertig, sich wieder zu
fassen.
Nun aber Schluß, sagte sie, ihre Stimme zit-
terte, sie wischte mit einem Taschentuch-
klümpchen über die Augen und die Lippen.
Wir können ja endlich mal von was anderem
reden.
Ach, sagte Nanni. Sie seufzte und rieb sich den
kleinen Bauch, ach ich bin erledigt, du liebe
Zeit. Wann kommt die große fette Qualle denn
wieder, sag, Rita, wann
denn? Sie warteten al-
le ab.
Er kommt von jetzt an oft, sagte Rita. Sie hielt
den Kopf aufrecht.
Ich habe mich verlobt mit ihm.
Am Tisch bewegte sich keiner. Rita lachte
ver-
suchsweise und dann konnte sie es mit großer
Anstrengung lauter als die anderen, und sie
rief: Stellt euch das doch bloß mal vor; mit
ihm verlobt! Ist das nicht zum Lachen!
Sie saßen gesittet und ernst und bewegten vor-
sichtig Messer und Gabeln.
He, Nanni, bist du mir denn nicht dankbar,
mit der Qualle hab ich mich verlobt, stell dir
das doch mal vor!
Er ist ja ein netter Kerl, sagte der Vater. Also
höflich ist er, das muß man ihm lassen.
Ich könnte mir denken, sagte die Mutter ernst,
daß er menschlich angenehm ist, ich meine,
als Hausgenosse oder so, als Familienmit-
glied.
Er hat keinen üblen Eindruck auf mich ge-
macht, sagte der Vater.
Rita sah sie alle behutsam dasitzen, sie sah ge-
zähmte Lippen. Die roten Flecken in den Ge-
sichtern blieben noch eine Weile. Sie senkten
die Köpfe und aßen den Nachtisch.
45
50
55
60
65
70
75
80
Worterklärungen
Z. 10: der Molch = eidechsenähnliches, hässliches Wassertier
Z. 15: beschämt = peinlich berührt
Z. 20: die Wamme = die Fettschwarte
Z. 41: herausplatzen = hier: laut loslachen
Z. 48: etwas fertig bringen = etwas schaffen
Z. 56: erledigt = hier: erschöpft

Z. 57: die Qualle = die Meduse / glockenförmiges, weiches Meeresti

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *