Einen Glasteppich betreten

Es gibt Bücher, die auf so beglückende Weise ungemütlich sind, dass sie sich dem Kategoriesieren entziehen. Dazu gehört “Dem Unendlichen etwas entleihen”, die gerade veröffentlichten Bildgedichte von Ilka Scheidgen. Die Schriftstellerin hat Porträt der Schritstellerin Ilka ScheidgenRomane, Lyrik, Erzählungen, dazu Porträts über Kollegen verfasst. Scheidgens Biographie „Hilde Domin. Dichterin des Dennoch“ ist mehrfach aufgelegt. Dieser Erfolg jedoch und die eindrückliche Zahl ihrer veröffentlichten Bücher – das ist etwas Endliches.

Ein Wildling

Die Autorin hofft auf mehr. So streckt sie sich nicht weniger als ins Namenlose aus, ins Ewige, in die Kinderheimat, nach Gott. Das geschieht dann aber doch wieder mit Hilfe von etwas Endlichem, nämlich einem Buch. Ein gewaltiges Unterfangen. Denn die Gewalt, von der die Autorin sich Geborgenheit erhofft, redet sie nicht klein. Man kann sie, weiß sie, ohnehin nicht in etwas kasernieren, das heute fast nur noch als Projekt tituliert wird. Scheidgens Buch freilich ist kein Papier gewordenes organisatorisches Unterfangen. Sondern? Schön.

Wildlingswiese - Bildgedicht von Ilka Scheidgen

Grenzenlos leicht

Das Buch ist leicht! Wiegt kaum mehr als eine Tafel Schokolade. Mit den Fotos der Autorin kann man sich durch die Jahreszeiten blättern. In jedem Bild finden sich prägnant zusammengestellte Worte. Wort im Bild? Man könnte jetzt versucht sein, an die Masse der Kopf-hoch-Kalender zu denken. Doch nein: Die Bildgedichte sind diesen nur auf raffinierte Weise ähnlich. Es handelt sich um Wortverdichtungen, die sich in keine der von Ratgebern gelegentlich angeordneten 12-Minuten-Stille-Meditationen pro Tag drängen lassen. Ilka Scheidgens Bildgedichte handeln nämlich vom Grenzenlosen: „Manchmal / Müsste die Zeit / Stillstehen / Und unser Schweigen / Beredt sein“.

Manchmal müsste die Zeit - Bildgedicht von Ilka Scheidgen

Unscharf und präzise

Bewusst arbeitet Scheidgen an manchen Stellen mit unscharf gehaltenen Fotos, was ihrer Suche nach Tiefe eine eigentümliche Präzision verleiht. Der Leser atmet frei, trägt den Kopf hoch, weil er nicht mit gezielt portionierter Lebenshilfe gefüttert wird, sondern schauenBuchcover von "Dem Unendlichen etwas eintleihen" - Bildgedichte von Ilka Scheidgen darf wie ein Kind: Als läse man zum ersten Mal. Peter Rühmkorf, Hans Bender und Hilde Domin haben Kürze, Sorgfalt und Verknappung von Scheidgens Lyrik hervorgehoben, das Können, mit Worten zu sparen. Die vielleicht eindrücklichste Aussparung in “Dem Unendlichen etwas entleihen”: Das Buch hat keine Seitenzahlen, ermutigt stattdessen immer wieder neu mit dem erschütternd Unzählbaren. Das ist kein gut handhabbarer Stoff für den Deutschunterricht oder wissenschaftliche Symposien, sofern dort zwangsneurotisches Zitiergehabe und Zergliederungsfetischismus herrschen. Es sind Himmelsahnungen.

Leises Spiel

Die Worte beziehen sich auf Bilder, entfalten sich aus ihnen, könnten ohne sie vermutlich nicht leben. Die Fotos wiederum erweitern sich durch diese Worte. So entsteht ein Dialog, der kein Kampfgeschehen ist, sondern ein Wechselspiel. Gezeigt werden Landschaften, Gärten, Wälder, Berge, das Meer. Da sind Häuser, Kirchen, Türme, Bahnhöfe, Hausboote. Ein gedeckter Tisch. Nur Menschen sieht man so gut wie nicht. Eher noch Reiher, Katze, Spinne. Stört der Mensch womöglich bei der Sehnsucht, das Unendliche im Endlichen zu finden? Nein, er spielt mit, indem er den ihm bereiteten Boden achtet und schaut:  „Wollweiß sind die Wiesen / Am See / Einen Glasteppich betreten / Vorsichtig / Meine Worte“.

Ilka Scheidgen, Dem Unendlichen etwas entleihen. Bildgedichte, Lektorat: Moritz Kahlke, Layout: Wolfgang Müller, Bernardus Verlag, Aachen 2014, 14,80 Euro. – Weitere Informationen zum Buch auf der Homepage des Bernardus Verlag – Weitere Informationen zu Ilka Scheidgen auf ihrer Homepage.  – Dieser Beitrag ist im Dezember 2014 auf dem Internetportal Theologie und Literatur veröffentlicht worden – Redaktion: Prof. Dr. Georg Langenhorst.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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