Knackige Königin

Sie gilt als Königin der Kurzgeschichte, ist in der Enzyklopädie Wikipedia zu lesen: Gabriele Wohmann (Foto: Jule Kühn). Wie aber lässt sich ihr Werk knacken? Wie kommt man also dem Sinn ihrer königlich gesetzten Sätze auf die Spur? So fragen viele, die sich ihrer Kunst zu nähern wollen – oder zur Aufgabe bekommen: “Tritt in den Palast der Königin ein!” Ihre Erzählungen nämlich sind der Stoff, aus dem Lehrplanzusammensteller-Kommissionen Unterrichtsgegenstände geschaffen haben. Dank der Storys können Schülerinnen und Schüler somit lernen, von ihren sich nicht immer aristokratisch anfühlenden Tageswegen abzuzweigen.

Einfach so

Da überrascht es, dass die Meisterin des pointierten Erzählens selbst keine knackige Antwort gibt, wenn Literaturknobler und Räselfreunde sie nach der Auflösung ihrer Geschichten fragen. Sie könne ihr Werk nicht auseinanderdröseln, den Sinn sprengen und in die Luft fliegen lassen, meint sie. Sie schreibt aus Sehnsucht, zum Vergnügen, einfach so. Wie also dann? Wie ist die Königin zu knacken?

Puddingkreppel ist nicht gleich Puddingkreppel

Schülern ist gewiss geholfen, wenn man die Landschaft benennt, in der die Monarchin die Erzählungen spielen lässt: das ganz normale Leben. Bei näherer Betrachtung wirkt dieses dann freilich doch nicht nur gewöhnlich. Denn ein in eine Partner- und Gütergemeinschaft eingebrachter – so der Titel einer ihrer 636 publizierten Erzählungen – “Puddingkreppel” ist nicht gleich Puddingkreppel. Schließlich gibt es welche, die nur vordergründig mit Pudding, in Wahrheit aber mit Vanillecreme gefüllt sind. Außerdem gibt es auch jene, die auf bösartige Weise ungenießbar sind. Andere wiederum können enthusiastische Gefühle hervorrufen. Aber: Ist damit die Sinnschale des Wohmann-Kosmos wirklich angebissen? Haben wir Gewöhnliche, die wir uns beim Lesen der Sprachmeisterin oft genug im Gewand von Bauern, Zofen, Dienern fühlen, damit eine vage Richtung gefunden, um in Wohmanns Palast zu treten?

Der Schlüssel zur königlichen Kreppel-Literatur

Versuchen wir es anders: Einfacher, fundamentaler, basaler. Wir holen Rat bei einem Literaturinstitut, das nicht die literarische Elite im Blick hat, sondern sich der ehrenvollen Tugend der Auf- und Erklärung verpflichtet sieht. Die Literatur- und Filmtipps von Dieter Wunderlich aus Kelkheim bei Frankfurt besuchen fünf Millionen Menschen pro Jahr. Seine Buch- und Filmbesprechungen liegen im Ranking der Suchmaschinen meist vor Rezensionen hochangesehener Feuilletons, Universitäten und anderer staatlich anerkannter Intelligenz-Einrichtungen. Aber wieso? Weil Wunderlich nicht sofort wertet und Meinungen austeilt, sondern zuerst den Inhalt der Bücher wiedergibt. Die Internetpräsenz ist bei Lernwilligen gefragt. So habe, berichtet die Frankfurter Rundschau, ein Schüler den Webmaster Wunderlich einmal gebeten, die Inhaltsangabe eines Buches offline zu schalten. Warum? Sein Lehrer soll am nächsten Tag nicht recherchieren können, dass er sie in der Institution Wunderlich gefunden habe.

Im Kanon angelangt

Und nun? Wir schreiben das Jahr 2013. “Eine souveräne Frau”, die von Georg Magirius im Berliner Aufbau Verlag herausgegebenen und von Angela Drescher lektorierten Meistererzählungen von Gabriele Wohmann, sind in den Kanon Wunderlich aufgenommen worden. Endlich können wagemutige Leserinnen, neugierige Schüler, und Zofen erste Schritte in die könglichen Paläste der von Wohmann erzählten Gewöhnlichkeit setzen. Sie finden 26 Erzählungen aus knapp sechs Jahrzehnten in knackig-klare Inhaltsangaben transformiert. Beispiel: “Käme doch Schnee”, die laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts zur Erhebung der Wirkkraft von Prosa und Lyrik in der Phase der Adoleszens im Unttericht nicht gerade selten behandelt wird: Seit 1973 ist sie dieser Statistik zufolge in 58 Lesebüchern der Klassen 5 bis 13 gedruckt worden (exklusive Neuauflagen), außerdem in ca. 11.000 Schulstunden (exklusive Hausaufgaben) durchexerziert worden. Und das nicht nur in Herbst und der potenziellen Schneefallzeit Winter, sondern auch in Frühjahr und Sommer.

Perfide und scharf: Die Schönste im ganzen Land

Aber auch den inhaltliche Gesamtertrag der souveränen Frau hat Wunderlich aus Kelkheim dargestellt: In der Auswahl ihrer schönsten Erzählungen geht es “um Egoismus und Eitelkeit, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und Kommunikationsschwierigkeiten. Ehe, Partnerschaft und Familie werden von den Frauen in Gabriele Wohmanns Alltagsdramen als Einengung und Freiheitsberaubung erlebt.” Und auch die formale Vielfalt der Erzählungen wird benannt: “Da stehen realistische neben symbolischen und grotesken Geschichten, es gibt Karikaturen wie die Bütows, eine Satire wie ‘Die Schönste im ganzen Land’ und einen perfiden  Miniaturkrimi wie ‘Das Schweizer Messer’.”

Zum Buchtipp von Dieter Wunderlich >>> hier. Zum Buch “Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen von Gabriele Wohmann” >>> hier. Foto oben:  Jule Kühn, Wiesbaden; Foto unten: Wolfgang Becker, Frankfurt am Main.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *