Die Kraut-Pädagogik

Manuela Fuelle (c) www.manuelafuelle.comEine Tochter sucht ihren Vater. Das ist das Handlungsgerüst des Romans „Fenster auf, Fenster zu“ von Manuela Fuelle. Wobei das Buch genau genommen kaum Handlung hat. Die Reise zum Vater setzt sich eher aus Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Erwartungen zusammen. Als Action lässt sich das nicht gerade bezeichnen. „Einzige Tat dieses Buches“, schreibt die Erzählerin, sei das Totschlagen einer Stunde.

Widerständig

Das macht den Roman lebendig. An keiner Stelle findet sich ein Satz, der sich wie jene Sätze liest, die als Werkzeug verwendet werden für ein forsches Schreiten zur Tat. Die Sätze der Autorin marschieren nicht. Eher ist ihnen ein merkwürdiges Schweben eigen. Dieser Eindruck beruht darauf, dass ihr Sinn nicht festgeklopft wird. Stattdessen scheint die Ich-Erzählerin ihnen während des Erzählens nachzuhorchen, Worte auf ihre Vieldeutigkeit abzuhorchen, wodurch diese in immer neue Zusammenhänge geraten. Manchmal bricht der Gedankenstrom ab, setzt neu an, was den Akt des Lesens zu einem fortlaufenden Widerstand gegen das angeblich schon längst Gewusste macht.

Rhythmisch

Elliptisch ist der Stil – wie man das vom mündlichen Erzählen her kennt. Gleichwohl lässt das die Sprache wiederum üppig wirken, überbordernd, reich. Das Erzählte wirkt unmittelbar und dennoch ausgefeilt. Dieses Zugleich von Exaktheit und Freiheit mag daran liegen, dass es bei diesem Roman eben niemals darum geht, irgendwelche Regeln zum Bilden ohnehin gebräuchlicher Wortaneinanderreihungen zu erfüllen. Sondern? Um Rhythmus und Melodie.

Ungewöhnlich

Es lässt an Musik denken, die im Augenblick erstaunten Hörens nicht fragen lässt, ob in ihr ein Sinn steckt, der verwertbar wäre. Unsinnig ist der klangvoll wirkende Roman deswegen nicht. Denn es geht ihm darum, das Gewöhnliche auf den Kopf zu stellen. Er ist eine Verteidigung des Ungewöhnlichen, von etwas oder jemanden, an den man sich im besten Fall nie gewöhnt. Um einen Menschen, der unverwechselbar, eigen, einzigartig ist.

Eigen

Das ist er, der Vater. Und wie er mit dieser Einzigartigkeit andere angesteckt hat, erzählt die Tochter: „Geh aus der Abhängigkeit. Geh deinen Weg. Misstraue jeder Macht, jedem Mächtigen, jeder Institution.” Aber das ist kein Programm, mit dem der Mut zur Eigenheit anderen eingetrichtert würde, wodurch dieser Mut sich ja gleich wieder in sein Gegenteil verdrehen würde. Stattdessen hat der Vater die Kinder einfach wachsen lassen.

“Er war es nicht, der ein großes Un vor Kräuter setzte, der ihr Wachstum begrenzen wollte durch ein Un. Das Un ist, findet er, wie ein Zaun, eine Grenze, bis hierhin und nicht weiter. Halt! Stop! Und er kann mit dieser Grenze nichts anfangen. Er lässt das Kraut wachsen, wo und wie es will. So hat er es auch mit seinen Kindern gehalten. Man muss nichts zwingen, biegen, brechen oder beschneiden. Man kann warten. Warten, bis etwas wachsen will, erwachsen wird und blüht.”

Manuela Fuelle, Fenster auf, Fenster zu, 296 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011.

Das Buch auf der Seite des Verlags >>> hier.

Zur Website von Manuela Fuelle >>> hier.

Ein Video zum Buch, gesprochen von der Schauspielerin Antje Thiele >> hier.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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