Ankommen und Zuflucht finden

Es ist eine Wanderung, bei der es zwischendurch nicht eine Möglichkeit zur Einkehr gibt. Das lässt den Wunsch auf Ankunft wachsen. Genau das ist auch das Thema der Spirituellen Tageswanderung der Reihe GangART am Samstag, 15. Oktober 2016: “Ankommen und Zuflucht finden”. (Rückblick auf die Tour mit Fotos >>>> hier.) Die 13 Kilometer lange Tour unter Leitung des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius verläuft von dem bei Würzburg gelegenen Retzbach nach Karlstadt am Main. Gesucht wird eine Geborgenheit, die nicht zu Lasten von Freiheit und Weite geht. Die Gruppe bildet sich für die Tour neu, geht zum ersten Mal.

Ohne jedes Pressen

Weite Ebene bei RetzbachUm anzukommen, muss man losgehen. Was banal klingt, fühlt sich überhaupt nicht trivial an. Kurz nach Verlassen Retzbachs nämlich spüren die Füße den Aufbruch genau. Mit Eindringen in den Weinberg geht es bergauf, bis man oben ein Sandstein-Kreuz erreicht. Durchatmen erlaubt! Nur angekommen ist man noch nicht, kann freilich Geborgenheit schon ahnen. Die weite Ebene wirkt nicht endlos. Denn der Weg führt an einem Wald entlang, der einen schützt, als ob Arme einen umfingen, ganz leicht – ohne jedes Pressen.

Geborgenheit mit Tücke

Am Ende des feinen Wechselspiels von Feld und Wald lotst der Pfad durch eine Tür in den Weinberg. Der Blick geht tief hinunter zum Main und weit über ihn hinaus auf die andere Seite des Flusses. An steinernen Hütten vorbei wandert es sich nicht starr geradeaGekeltertus, sondern in Kurven und Schleifen, bis man die Stein-Weinhütte erreicht. An der Wand der Rasthütte sind Rebsorten erklärt, was den Durst fördert. Wer hier die Flasche öffnet, trinkt sich garantiert in die Geborgenheit hinein. Dazu die wunderbare Aussicht. Doch Vorsicht! Die beim Weintrinken aufkommende Geborgenheit hat bekanntlich Tücken. Die Tritt­sicherheit kann sich mindern.

Gekeltert und ausgepresst

Erneut folgt eine Waldpassage, dann wieder Weinberg, die Reben von Müller-Thurgau und Silvaner sind angezeigt. An einer Weggabelung ein Steinrelief, das Christus in der Weinkelter zeigt. Es stellt den Schmerz Jesu in den Mittelpunkt. Der Gekelterte, Gebeugte und Ausgepresste stellt das Gegenteil von Geborgenheit dar, kann aber vielleicht gerade dadurch Zuflucht für jene sein, die vor lauter Schmerzen überhaupt kein Zuhause finden können.

Ankunft in der alten Stadt

Dann ist das Ziel nahe. Karlstadt empfängt die Tagespilgerinnen und spirituellen Wanderer mit offenen Armen. Die elegante, leicht wirkende Eisenskulptur am oberen Torturm heißt tatsächlich so: Mit offenen Armen. Karlstadt wurde um 1200 als Mit offenen Armen Karlstadt am MainBollwerk gebaut. Die Anordnung der Gassen und Straßen ist noch heute in allen Details erhalten. Man legte sie so großzügig an, dass sie erst Ende des 19. Jahrhunderts den Ring ihrer Befestigung überschreiten musste. Die Sicherheit der fest gebauten Stadt sollte den Bewohnern also nicht die Luft abschnüren, was man auch heute noch genießen kann – nicht zuletzt im Café Schrödl, das bekannt ist für seinen Baumkuchen und ein Gelee aus Karlstädter Quitten, das ohne Gelierzucker auskommt. Zuflucht findet man spätestens beim Genuss der Schrödlhörnchen, einem Gebäck aus Mandelplunderteig, das auf ekstatische Weise klassisch schmeckt.

Die Daten

Karlstadt am MainAnkommen und Zuflucht finden, Spirituelle Wanderung der Reihe GangART, Samstag, 15. Oktober 2016, Länge: 13 km, reine Gehzeit: 3,5 Stunden. (Rückblick auf die Tour mit Fotos >>>> hier.) Eine Passage wird still gelaufen. Georg Magirius bietet in der Reihe GangART seit 2009 spirituelle Wanderungen an. Bei 35 Touren nahmen mehr als 750 Wanderer teil.  Weitere Informationen dazu >>> hier.Von ihm erschienen ist bei Echter gerade “Frankenglück. 33 Orte zum Staunen und Verweilen” (Lektorat: Thomas Häußner) und im Herder-Verlag “Schritt für Schritt zum Horizont. Pilger-Werkbuch” (Lektorat: Dr. Esther Schulz).

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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