Eine der unerforschtesten Gegenden der Welt

Aussicht in die Stille - Kreuzkapelle an der Wiesener Straße bei FrammersbachIn eine der vielleicht unerforschtesten Gegenden dieser Welt brachen 20 Pilgerinnen und Fußgänger der Reihe GangART im Mai 2015 auf. Unter Leitung des Theologen und Schriftstellers Georg Magirius erwanderten sie das Land der Stille, das zwischen Partenstein und Wiesthal im Spessart gelegen ist – aber auch überall dort, wo Menschen nach innerem Frieden suchen. Dort muss keine Geräuscharmut herrschen. Teilnehmerinnen der Reihe GangART auf dem Weg zur KreuzkapelleSo sangen die Spessartvögel und Bäume ohne Zwang. Und die Füße der stillen Abenteurer gaben beim Berühren des Waldbodens Laute des Genusses von sich.

Vibrierende Kapuzen

All jenen Stimmen aber wurde die Gefolgschaft aufgekündigt, die einen belagern und bekriegen. „Wiege sie jetzt in den Schlaf“, wurde kurz vor Überschreiten der Grenze zum Friedensland gebetet. Und schon setzte ein heftiger Regen ein, der Schirme und Kapuzen zum Vibrieren brachte, es war Musik. Also wieder keine Stille im messtechnischen Sinn, sondern ein gut hörbarer Hinweis darauf, dass es befreiend andere Klänge gibt als jene, die mit der Attitüde der Rechthaberei auftrumpfen.

Harter Grund

Die Wiesener Straße, eine über Jahrhunderte von Fuhrmannsleuten ausgiebig genutzte Schnellstraße, bot den Fußgängern Bahn, sich dem Zentrum der Stille immer weiter anzunähern. Das war keine Abkehr von der Welt! Denn mit einem Mal ging der Waldvorhang auf. Und der Horizont feierte ein Fest, das den Augen eine ungeheuer schöne Weite schenkte. Doch erneut führte der Weg in den grünschattierten Frühlingswald. Schweigend ging es auf hartem Untergrund weiter, eine Schotterstraße wies zum Ziel.

Rast an der Kreuzkapelle bei Frammersbach (c) www.georgmagirius.de

Rotes Glas

Das Schweigen aber ist noch nicht der Friede, es kündigt ihn erst an. Denn wenn die Worte enden, zieht nicht gleich Ruhe ein. Stattdessen regt sich häufig das lange Übertönte: innere Kämpfe, Schmerzen, das Gefühl der Überforderung und so viele Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Sie allerdings erhalten auf diese Weise endlich einmal das Recht, aufrecht ihren Weg zu gehen. Die Friedenspilger ließen das Fragliche des Lebens also nicht zurück, sondern nahmen es mit in die bei Frammersbach gelegene Kreuzkapelle, in der das Kreuz wie ein Versprechen wirkt: An den Stellen der tödlichen Wunden findet sich rotes Glas. Es zeigt den Schmerz, der zur Kostbarkeit geworden ist.

Rast an der Kreuzkapelle bei Frammersbach (c) www.georgmagirius.de

Spirituelle Wanderungen der Reihe GangART gibt es seit 2009. Bei 35 Touren nahmen mehr als 750 Wanderer teil. Von Georg Magirius kürzlich im Herder Verlag ein Pilger-Werkbuch erschienen: Schritt für Schritt zum Horizont.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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