Verlockend mehrdeutig

Das Mehrdeutige hat einen eher schlechten Ruf, gilt bestenfalls als verspielt. Gemeinhin hält man es für eine Schwäche: Man sei wohl noch ein wenig unentschieden, heißt es. Die bewusst gewählte Mehrdeutigkeit allerdings ist eine Kraft, die mehr als das Gegebene erhofft. Diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man das Aufeinandertreffen der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin Gabriele Wohmann mit Marissa Conrady beobachtet, die gerade Wohmanns aktuelles Buch Eine souveräne Frau besprochen hat.

Amerikanisch

Die 27-jährige Conrady ist Germanistin und ebenfalls eine ausgezeichnete Autorin. Sie erhielt den 1. Preis beim „Web Walpurga“, der 2010 auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde. Der Vorgängerpreis des inzwischen unter anderem vom Tagesspiegel und Zeit Online ausgelobten „Neuen Buchpreises“ wurde ihr für Der letzte Amerikaner zugesprochen, einer Erzählung über den 11. September, den auch Gabriele Wohmann literarisch verarbeitet hat, nämlich in ihrem jüngsten Roman Hol mich einfach ab.

Zu weit gegangen

Was Conrady schreibt, ist Belletristik – im wahren Sinn des Worts: belle und triste, also jenes entschieden Unentschiedene, ohne dass das jeweils andere nicht möglich wäre, ein Doppelsinn, den Wohmann als aufputschend empfindet – etwa in der belletristischen Musik Franz Schuberts. „In dieser Gegend waren alle Straßen nach Bäumen, Blumen oder Botanischem benannt“, heißt es in Conradys 2012 veröffentlichten Roman Mannheim, jenen Abend. „Ich fand das romantisch und kleinbürgerlich, auch heute noch. Wieso ich verloren gegangen bin, kann ich nicht erklären. Ich habe den gleichen Weg genommen, den ich jeden Tag nehme. Es ist der einzige Weg, den ich kenne.“ Dieser aber ist dann aber eben doch nicht auf oberflächliche Weise bekannt, eher unbegrenzt. „Ich war zu weit gegangen und fand mich plötzlich in irgendeiner Seitenstraße wieder, ohne Straßennamen, ohne U-Bahnstation. (…) Also bin ich noch weiter gegangen, was hätte ich auch tun sollen.“

Eigentümlich leicht

Solche vieldeutig schillernden Sätze verleihen Conradys Schreiben eine eigentümlich leichte Kraft. Mit ihnen kommt sie weit: Gerade ist Käferjahr erschienen, ihre vierte Veröffentlichung. „Ich habe mich bei einigen Verlagen beworben, da gab es Absagen“, hat sie einmal im Deutschlandradio über den Anfang ihres Schreibens gesagt: Warum sich also diese Mühe machen und sich ins Vorgegebene fügen? „Da kannst du die Energie auch in die Selbstvermarktung stecken.“

Außer Haus

Sie veröffentlicht bei Epubli, einem Verlag, der Pfade in geheimnisvolle Regionen eröffnet, die die großen Verlagselefanten allein schon aufgrund ihrer Körperfülle kaum beschreiten können. Immer wieder verlässt sie das Haus, in dem man sich einzurichten habe, wie es die Verteidiger des Eindeutigen sagen, womit sie meinen: Nicht erzählen, nicht schreiben, nicht losgehen. Damit kann sich Conrady nicht begnügen, auch als Rezensentin nicht, wie die Besprechung von „Eine souveräne Frau“ zeigt, einer Auswahl von Erzählungen Gabriele Wohmanns aus fast sechs Jahrzehnten. Die 27-Jährige hebt dabei eine kürzlich entstandene und bislang unveröffentlichte Erzählung der 80-Jährigen hervor: „Ich habe doch ganz andere Sorgen – eine Geschichte, bei der wir beliebig die Namen der Menschen einsetzen könnten, die um uns herum sind – plus unseren eigenen für den des Protagonisten.“

Verlockungen

Wohmanns Erzählen sei kein Generationendialekt oder ein soziologisches Instrument zur besseren Verständigung der Generationen untereinander. Sondern? Die oft als Königin der Kurzgeschichte Bezeichnete beobachte ihre Umgebung genau, treffe die Welt, das Leben schlechthin. Diese Autorin könne wie nur wenige andere Verlockungen schaffen, ihr Erzählen sei idyllisch, nur eben nicht eindeutig, sondern trügerisch idyllisch, fast ein bisschen wie in Twin Peaks. Wohmanns Figuren könnten eine kleine Stadt bevölkern. Was dort vor sich gehe, löse einen oft unmittelbaren Schauder aus. „Nein, ich möchte nicht dort sein, aber ich bin es“, urteilt Conrady schließlich – in jenem schillernden Ton, der von den Fesselungen des Lebens weiß und sich ihnen dank des Erzählens immer neu entwinden wird: „Wer weiß, was hinter den Fenstern vor sich geht, in denen ich mich spiegele, wenn ich durch meine Nachbarschaft gehe.“

Marissa Conrady, Käferjahr, Epubli 2013 – Gabriele Wohmann , Eine souveräne Frau, Die schönsten Erzählungen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius, Aufbau 2012.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
This entry was posted in Marissa Conrady and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>