Sie schon wieder, immer sie …

“Sie sind‘s schon wieder! Ständig Sie!”, sagt der Gärtner in Gabriele Wohmanns Gedicht „Im Kurpark von Aachen“, das ihrem im Dezember 2012 veröffentlichten neuen Lyrikband den Titel gibt (Edition Toni Pongratz). Im Kurpark ist nämlich ein Störenfried unterwegs, der vom Gärtner gestoppt wird. Warum? Er ist dort zuvor noch nie gesehen worden, geht auffällig schnell und bekommt – so findet eine Frau mit Pelz und Pudel – „friedlichen Passanten schlecht“. Gleich darf man an die Autorin denken: Auch sie! Schreibt nicht so, dass es leicht bekömmlich wäre. Auch stört sie, weil sie sich oft entzieht und dennoch – vielleicht gerade dadurch – ins Auge fällt.

Nicht eine Frauenzeitschrift gelesen

Gabriele Wohmann sei eine Figur der Literaturgeschichte, meinen viele, zu legendär, als dass es sich bei ihr um eine gegenwärtig existierende Autorin handeln könnte. Anderseits versetzt sie ihre Zeitgenossen sehr real in Unruhe – dank ihrer Wortgefüge, die mit Genuss die Eigen- und Abarten diverser künstlicher Friedenszustände aufdecken. Das kann bereits durch eine beiläufige Bemerkung geschehen, mit der sie kürzlich im „hr1 Talk“ die Moderatorin und vermutlich nicht nur sie erdbebengartig verunsicherte: Sie habe – und trotz energischen Nachfragens blieb der sogenannte Talk-Gast bei dieser Auskunft – in ihrem Leben noch keine Frauenzeitschrift gelesen.

Schnellgängerin

Bücher allerdings hat sie gelesen. Und auch geschrieben. „Im Kurpark von Aachen“ ist der vierte allein 2012 veröffentlichte Band von Gabriele Wohmann. Und das mit 80! Das kann nur  – auch da ist sie dem durch den Kurpark hastenden Störenfried ähnlich – eine Schnellgängerin. Tatsächlich ist das Tempo der Gedichte verglichen mit dem sonst oft anzutreffenden lyrischen Drosselgang rasant. Leicht lesen sie sich, fast wie Prosa, sind nur noch rhythmischer und pointierterter, verknappter und zugespitzter als die Storys, die ihren Ruf als Königin der Kurzgeschichte (MDR / Die Welt) begründen.

Verknappung und Erweiterung

Gut erkennbar ist das an „Ogni male vuol guinta“, in dem von einem gebildeten und krankhaft unsensiblen Sprichwort-Ausstoßer die Rede ist. Aus diesem Gedicht dürfte sich die erstmals in „Abschied von der Schwester“ (2001) und neuerdings in „Eine souveräne Frau“ (2012) veröffentlichte Erzählung „Vor Tische las mans anders“ entfaltet haben. Falls es nicht umgekehrt war: Nämlich dass das Gedicht die thematisch identisch wirkende Kurzgeschichte furios verkürzte und in dieser Verknappung eine Sinnerweiterung evozierte. Verknappung als Erweiterung: Bei der Lektüre von “Im Kurpark in Aachen” findet man sich oft in solch verwirrenden Paradoxien wieder, die auf das Friedlose im Wohmann-Kosmos verweisen. Kurioserweise verschafft aber gerade das Erleichterung, wenigstens jenen Lesern, die sich mit den Verteidigern des Parkfriedens und anderen Eindeutigkeits-Forderern nicht arrangieren können.

Sandalen und Hühnersalat

Das Inventar der Gedichte ist alltäglich: Da ist von Telefongesprächen die Rede, von Hotelzimmern, einem Schulunterrichts-Boykott und einem Beethoven-Boykott, von Yoghurt, Kaffeepause, Putzen und – nie darf dieser topos fehlen! – dem Nicht-Putzen-Wollen, dazu von Colombo, Sandalen und Hühnersalat. So leicht und alltagsnah der Ton auch ist: Man bleibt hängen, indem Formulierungen dem vermeintlich Gewohnten den Charakter eines ersten Mals verleihen, so etwa “blickt sie ihrem Seufzer wie etwas Sichtbarem nach”. Das eindrücklich hohe Tempo der Gedichte also weist zur Unterbrechung und in eine eigentümliche Ruhe hinein. Und das Leichte ist nicht nur leicht, sondern untergründig mit dem Gegenteil verknüpft, wobei es sich dabei wieder nicht um etwas unangenehm Schweres handelt. Stattdessen sind Hintersinn und Größe zu ahnen, ein weiter Raum. Dort lebt die Melancholie, aber nicht nur.

Schlüssel zum Gesamtwerk

Durchströmt wird der Sehnsuchtsraum von einer oft unittelbar ausbrechenden Heiterkeit und dem Vergnügen am Misslingen. Da ist ein am ehesten englisch zu nennende Humor heimisch, bei dem es sich womöglich um den Schlüssel zum Gesamtwerk Wohmanns handelt. Literaturwissenschaft und Literaturkritik allerdings wagen ihn kaum anzurühren. Vielleicht weil man über Komik nicht gut forschen kann? Zu einem Gedicht wie dem Folgenden findet man jedenfalls den womöglich besten Zugang, wenn man sich die Autorin in der für sie typischen Weise still oder auch laut vergnügt vorstellt.

Liebe

Im ersten Akt schicken wir

Den Regisseur weg, brauchen

Kein Drehbuch. Den letzten

Verschläft die Souffleuse.

„Im Kurpark von Aachen“ ist in einer bibliophil gestalteten, nummierieten und von Gabriele Wohmann handsignierten Auflage in der Edition Toni Pongratz (Heftreihe Nr. 112) erschienen und dort auch bestellbar, Hauzenberg 2012, 16 Euro, ISBN 978-3-931883-83-6

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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