Aufruhr im Ried

“Dieser Abend ist ein Türöffner für unser Anliegen, unaufgeregt über das Sterben zu sprechen”, sagte Mechthild Herold, Vorsitzende der Hospizgruppe Ried vor 350 Besuchern in der Evangelischen Kirche von Biebesheim. Mit der Kirchengemeinde hatte sie Gabriele Wohmann zu einer Lesung aus Sterben ist Mist, der Tod aber schön eingeladen (Fotos: Annika Schulz – Rechte: Büro Magirius).

Verzweiflung und Lakonie

Vollkommen gelassen ging es dann aber doch nicht zu: “Rund um die evangelische Kirche verstopften Autofahrer auf der verzweifelten Suche nach einem Parkplatz mit ihren Wagen – auffallend viele davon mit Darmstädter Kennzeichen – die Straßen. Nach der Veranstaltung sah man so manchen Ortsunkundigen auf der nicht minder verzweifelten Suche nach dem so eilends abgestellten Wagen durch die Gegend irren. Völlig unaufgeregt angesichts dieses Aufruhrs gab Gabriele Wohmann mit ihrer dunklen, leicht rauchigen Stimme lakonisch Antwort auf die Fragen von Georg Magirius und las gemeinsam mit ihm Passagen aus dem Buch.” (Anke Mosch im Darmstädter Echo)

Nüchtern und träumerisch

Wieso hätte sich die Autorin auch aufregen sollen? Es ging doch nur ums Sterben, weiter nichts. Ein – wie soll man sagen? – Thema, dem sich die große Realistin unter den deutschen Gegenwartsautoren tatsächlich nüchtern nähert. Allerdings war da noch mehr als dieses Thema, nämlich die für den Abend angekündigten Himmelsträume, dazu die Bildhaftigkeit, die ins realisitsche Schreiben Wohmanns eingewoben ist. Diese Bildwelt scheint ein nicht kontrollierbares Potenzial in sich zu bergen. Es verweist auf etwas, das wohl doch erst jenseits der Unaufgeregtheit beginnen kann.

Gefühlsüberschüsse im Mund

Etwas, das kleine Kicks verleiht und noch mehr: Gemeint ist, was sich in Bechern, Schüsseln, Gläsern und auf Tellern oder Blechen finden lässt – und natürlich im Mund, wo die Geschmacksnerven Gefühlsüberschüsse produzieren. Magirius, Herausgeber von “Sterben ist Mist, der Tod aber schön”, hat mit seinen Hinweisen auf dieses Potenzial der ausgehungert wirkenden Wohmann-Forschung einen überraschenden Impuls gegeben. Nachprüfbar im akademisch-wissenschaftlichen Sinn ist der Ansatz freilich kaum, weil seine Veröffentlichungen hierzu zwischen Genuss und Spiel entstanden sind, nicht mit Fußnoten versehen. Und doch erfuhr seine These im Ried epiphanieartig Materialisation.

Apfelkuchen

Es ist aber nicht so, dass es überhaupt keinen heranzuziehenden schriftlichen Ausdruck des neuen Forschungsansatzes gäbe. Im Nachwort zu Eine souveräne Frau, Wohmanns schönsten Erzählungen, wird Magirius die neuartigen Überlegungen beispielhaft am Apfelstrudel niedergelegt haben. Ja, richtig: Momentan muss man sich mit dem Tempus Futur II begnügen, weil die Auswahl der schönsten ihrer mehr als 600 Erzählungen im Mai 2012 im Berliner Aufbau Verlag erschienen sein wird. Doch am 11.11.11 in Biebesheim – da wurde bereits in exzentrischer Vorwegnahme die neue Methodik überprüft. Das Futur wurde aufgehoben. Und die pure Präsenz gefeiert. Es ging um Leibspeisen als Annäherung ans Unsagbare, das Wohmann in ihren Werken berührt.

Aufsässigkeit und Liebe

Wovon ist die Rede? Vom Geschmack des im Jammer aufleuchtenden ganz Anderen, das viele Namen trägt: Es geht um die Aufsässigkeit einer Autorin, die Waldenser als Vorfahren hat, ein aus reiner Kindlichkeit dem Guten Verpflichteten. Das alles ist wiederum nichts anderes als Liebe nach der Weise des Korintherbriefs: Sie hört nicht auf, regt sich auf und widersetzt sich einer Empfindungslosigkeit, wie sie vielen forsch und munter auftretenden Zeitgenossen eigen ist.

Volksfest im heiligen Raum

Die Hospizbewegung im Ried unter Leitung von Mechthild Herold wollte diesem literarisch-religiösen Epiphanie-Gedanken auf die Spur kommen. In den Tagen vor der Lesung näherten sich Landfrauen dem Schlüssel zu Gabriele Wohmanns Werk nicht kognitiv, sondern mit süßer Emotionalität. Die Idee: Poesie als oral ausgerichtetes Volksfest im heiligen Raum. Wohmanns Literatur sollte erfahrbar werden – ganz ohne Berechtigungsschein für ein literaturwissenschaftliches Doktorandenseminar.

Landfrauen lesen Wohmann

Die Erzählungen “Wann kommt die Liebe” (2010) inspirierten die Landfrauen zum Backen von Vanillekringel. Der Erzählband “Schwestern” (1999) brachte Ingwerbiskuits hervor. Im autobiographisch geprägten Roman “Abschied von der Schwester” (2001) erzählt die Autorin, wie es einer Abgeordneten des Pendoverlages aus Zürich gelingt, sie mit Pralinen an den Verlag zu binden. Also formten die Landfrauen raffinierte Schokoladenkugeln. Und es entstand Apfelkuchen – gedeckt und ungedeckt, jene Art von Poesie, die Gabriele  Wohmann in Sterben ist Mist, der Tod aber schön (2011) entfaltet.

Gott im Apfelkuchen?

Aber kann sich die Sehnsucht nach Himmlischem so real ereignen? “Biblisch-exegetisch ist das abgesichert”, sagte Herausgeber Magirius. Da sei etwa die Methapherntheorie Paul Ricoeurs, die der französische Philosoph nicht zuletzt an Jesu Gleichnisrede entwickelt habe. Und weiter philsophierten Wohmann und Magirius über Kuchen und Küche, was wiederum an die Symboltheorie Paul Tillichs erinnerte, in dessen Terminologie sich fragen lässt: Ist Apfelkuchen ein Symbol - und zu unterscheiden von einem Zeichen, trägt also der Apfelkuchen als Symbol in sich einen Anteil von jener Tiefe des Seins, worauf er verweist? Beantwortet man diese Frage positiv, dann bedeutet das: Gott besucht den Menschen im Apfelkuchen.

Das Erschrecken

So sprach man weiter gelassen und – wie eingangs angekündigt – unaufgeregt dahin. Aber dann: Das Sterben. Zu ahnen war dann doch eine Gefühlsbewegung in einem heiligen Raum, den der Religionswissenschaftler Rudolf Otto als etwas beschreibt, in dem das Zittern sein darf, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Denn ein Entschuldigen angesichts der Urgefahr ist nicht nötig, schließlich handelt es sich in der Begegnung mit dem Heiligen ohnehin um ein nicht steuerbares Aufschrecken aus dem Wunsch nach Entemotionalisierung.

Mehr Salz!

Und das Gerücht von der Unaufgeregtheit war fort. Aber das Erschrecken eroberte nicht den Abend, denn da war auch Widerstand dagegen, nämlich Staunen, Freude und Überraschung. Wohmanns Himmelsträume waren in Pappkisten gelegt: Plätzchen, Kuchen, Pralinen. So waren ihre unsystematischen, weil literarischen Arbeiten zur Eschatologie real geworden. Aber auch das ist nur ein Anfang. Denn nicht allein Vanille, Apfelkuchen oder der von Wohmann weltgeschichtlich erstmals so bezeichnete “barmherzige Käsekuchen” können aufs Himmlische verweisen. Sondern da ist auch das Gegenteil: “Das Salzige darf nicht fehlen!”, sagte sie. Womit dieser exzentrisch neue Wohmann-Forschungsneuansatz durch die Autorin höchstpersönlich in einem Augenblick widerlegt war. Das allerdings könnte durchaus der Beginn weiterer Forschungsgenüsse gewesen sein. Also: Theologen, Germanisten, Landfrauen und Hausmänner vereinigt euch! Denn: Ihr Werk “‘Das Salz, bitte!’” (1992) harrt der Analyse.

Die Fotos (© Büro Magirius) stammen von der Fotografin Annika Schulz.

About Buero Magirius

Über spirituelle Spaziergänge und andere Tritte des Schriftstellers Georg Magirius.
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One Response to Aufruhr im Ried

  1. ursula haeberlin says:

    merci ganz lieb¨!

    grossartig- habe die schwester der gabriele wohmann persoenlich gekannt- mit ihr gearbeitet

    ( ihr schwager arbeitete im jung institut in kuesnacht-)
    prof. jacobi

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